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Autor Thema: Abnehmende Schwimmkompetenz und was dagegen getan werden muss  (Gelesen 346 mal)

Windfisch

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Abnehmende Schwimmkompetenz und was dagegen getan werden muss
« am: Juli 29, 2018, 17:06:32 Nachmittag »
Am vergangenen Freitag stand in unserer lokalen Zeitung ein Artikel mit dem Inhalt, dass im diesjährigen Rekordsommer bis dato die Anzahl der Badeunfälle in Norddeutschland stark angestiegen ist und immer weniger Menschen schwimmen können. Ich befürchte, dass dies für viele Bäder der Anlass sein wird, die ohnehin schon sehr restriktiven Baderegeln und Verbote noch weiter zu verschärfen. So ist es in immer weniger Bädern erlaubt, Tauchmasken und Flossen zu benutzen, die gerade bei jungen Mädchen sehr beliebten Meerjungfrauenflossen dürfen häufig nur während besonderer Events zum Einsatz kommen und wenn man eine Easybreath (oder einen Nachbau) hat, wird man nicht selten auch komisch angeschaut. Dabei ist das meines Erachtens der komplett falsche Weg, denn gerade diese Erfindungen sind gerade für Kinder der beste Ansporn, schwimmen zu lernen, weil die sowas im allgemeinen "richtig cool" finden. Dass gerade Naturgewässer mit Aufsicht schon beim winzigsten Verdacht auf Blaualgen gleich rigoros gesperrt werden, hilft auch nicht weiter. Sicherlich sind die gesundheittschädlich, aber ich finde, man sollte den mündigen, erwachsenen Bürgern doch noch ein Mindestmaß an eigener Entscheidungsfähigkeit zugestehen und ihnen auch erlauben, mal auf die Nase zu fallen. Ich habe in der Spree vor Berlin in den 1980ern schwimmen gelernt und das war zu der Zeit eine grün-braune stinkende Kloake. Sobald ich mich sicher im Wasser bewegen konnte, kam gleich das "Upgrade" auf Tauchmaske und Flossen, und das, was wir in der DDR hatten, war lange nicht so "high tech" wie das, was man heute bekommt. Trotz null Sicht hatte ich meinen Spaß dabei.
Hier sind wir beim nächsten Punkt: Spaß und Freude. Gerade Kinder (aber auch erwachsene) lernen etwas am besten, wenn sie Freude daran haben. Schwimmen mit ernsthaftem sportlichen Hintergrund bereitet aber nicht allen Freude. Allerdings wird mittlerweile bei Klassenfahrten oder Jugendfreizeiten, wenn ein Badbesuch auf dem Plan steht, schon das Bronzeabzeichen gefordert, damit die Kinder ins tiefe Wasser dürfen. Zu meiner Schulzeit reichte ein Seepferdchen oder notfalls probeschwimmen vorm Bademeister aus. Gerade für unsportliche Kinder, die aber trotzdem nicht unbedingt Probleme damit haben müssen, sich sicher im Wasser zu bewegen, können schon die recht moderaten Zeitlimits im Bronze-Abzeichen eine Hürde sein, weil so etwas nicht selten auch psychische Blockaden erzeugt... "Ich MUSS in 15 bzw. 7 Minuten die 200m schaffen"... Hier kann man sich am Tauchsport orientieren. Bei PADI z.B. gibt es die "Recreational" Schiene, bei der die ganze Sache relaxt angegangen wird. Der normale Open-Water-Diver-Kurs hat keine Zeitlimits, sondern ist nach der Art "learning by doing" aufgebaut und insbesondere bei den Tauchgängen im tiefen Wasser fühlt sich das ganze schon so an wie nach der Ausbildung. Man kann tatsächlich vergessen, dass man gerade eine Ausbildung macht und hat irgendwann den Schein und "kann es einfach". Wer die sportliche Herausforderung sucht, kann danach die Professional-Schiene einschlagen, über Divemaster, bis hin zum Tauchlehrer. Probeschwimmen musste ich bei meinem OWD-Kurs auch, weil ich kein einziges Schwimmabzeichen habe, es gab hier aber kein Zeitlimit. Da hieß es einfach: Du schwimmst zu der Boje da, dann zu der anderen Boje da drüben und kommst dann zurück.
Analog dazu sollte man im Schwimmbereich darüber nachdenken, ob man irgendetwas einführt, was mehr als das Seepferdchen ist, ohne Leistungs-Anspruch, sondern eine Art "Zeugnis für die Fähigkeit, sich sicher und selbstständig im Wasser bewegen zu können". Und das sollte dann für alle "Spaß-Schwimm-Events" ausreichend sein, für die man heute Bronze haben muss.
Und nicht zuletzt tun auch noch das Bädersterben und der Wellnesswahn ihr übriges dazu. Die Schließungen kleinerer Bäder und der Rückbau von ehemals attraktiven Bädern wie dem Freibad Mindener Landstraße in Nienburg zu reinen Wellness-Anlagen mit ggf. noch Sportbecken hält gerade die, die es am nötigsten hätten, nämlich Kinder und Jugendliche, vom schwimmen lernen ab - denn bei Wellness braucht man das i.d.R. nicht und Sportbecken locken nur die an, die sowieso sportlich schwimmen wollen - und die können bzw. lernen schwimmen. Und wenn das Bad "voll LW" ist (oder wie man heute sagt), dann setzt man sich halt eher an den PC und spielt Subnautica (wenn man hat, ggf. sogar mit VR-Equipment). Die Sportschwimmer schieben die abnehmende Schwimmkompetenz zwar auf die Freizeitbäder, allerdings sehe ich das nicht so, denn die Fähigkeit des sicheren Umgangs mit Wasser ist auch bei den heutigen Rutschen mit Flachwasser-Landebecken sinnvoll - schließlich kann man auch in einer Pfütze ertrinken. Und bei Strömungskanälen und Sprungtürmen ist die Sache auch klar.

tl;dr: Was also meiner Meinung nach getan werden muss, ist, kind- und jugendgerechte Anreize zu schaffen, schwimmen zu lernen:
  • Verbote von Schwimmutensilien wie Flossen und Tauchmasken lockern
  • Neuentwicklungen auf dem Markt wie Easybreath-Masken oder Meerjungfrauenflossen bereitwillig aufnehmen und damit arbeiten, nicht nur einmal im Monat in einem Sonderevent, sondern die Nutzung immer erlauben (wenn nicht zu voll) und ein paar Spiele wie durch Ringe schwimmen immer mal wieder einwerfen
  • Beckenlandschaften kreativ ausbauen - viele Bäder haben zwar ständig Finanzprobleme, aber auch mit wenig Mitteln kann man kreative Wasserlandschaften aus Kunstfelsen, Kunststoff-Schatztruhen mit Tauchringen darin als Schatz und Airbrush-Bemalungen der Beckenwände schaffen
  • Bei Vorhandensein von Naturgewässern den Badegästen auch wieder mehr Selbstständigkeit zutrauen
  • Mehr Alternativen bei den Schwimmabzeichen, nicht alles auf Leistungssport trimmen

Wie seht ihr die Sache?

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Abnehmende Schwimmkompetenz und was dagegen getan werden muss
« am: Juli 29, 2018, 17:06:32 Nachmittag »

Offline Bahnschalker

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Re: Abnehmende Schwimmkompetenz und was dagegen getan werden muss
« Antwort #1 am: Juli 29, 2018, 22:32:06 Nachmittag »
Ein ernstes Thema. Ein Problem ist sicherlich das Bädersterben in der Breite. Ich bin grundsätzlich für weniger aber dafür attraktivere Bäder. Aber in Spitzenzeiten fehlen dann auch Freibäder. Das heißt, diejenigen, die ins Freibad wollen, teilen sich auf weniger Bäder auf. Und diese sind dann ruckzuck überfüllt und Unfälle können schneller passieren. In dieser Woche wure gemeldet, dass beide Freibäder in Mülheim an der Ruhr geschlossen werden mussten. Besucher kamen gar nicht erst rein.

In der Natur spielt der gute Sommer eine Rolle. Viele Tage am Baggersee = automatisch mehr Badende in der Saison = mehr Unfälle. Alkohol, Gruppendynamik, Hitze - da überschätzt sich manch einer.

Dann kommt der Schwimmunterricht in der Schule zu kurz. Mindestens eine Schulstunde für Anfahrt und Umziehen. Und ein Lehrer soll 35 Kindern das Schwimmen beibringen. Geht natürlich nicht.

Schwimmvereine sind nicht so cool wie das “Gaming“ am heimischen Daddelgerät. Familien unternehmen immer weniger zusammen. Dass der Vater seinen Kindern das Schwimmen bei bringt, ist eher die Ausnahme.

Eine Patentlösung gibt es nicht. Vielleicht sollte man mal eine Schwimmshow im Fernsehen machen. Promis gehen in den australischen Busch oder lernen Tanzen. Warum sollte man nicht zeigen, dass man auch Schwimmen lernen kann? Zugegeben, man müsste erstmal Promis finden, die nicht schwimmen können und bereit sind es zu lernen. Vom Seepferdchen bis zum Goldabzeichen. In diesem Sinne: “Let's Swimm.“ (vom mir aus mit Franziska van Almsieck, Thomas Gottschalk und Günther Jauch).

Wenn die Sendung einen Boom auf die Schwimmvereine auslöst, soll es mir recht sein.

Offline Otto

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Re: Abnehmende Schwimmkompetenz und was dagegen getan werden muss
« Antwort #2 am: Juli 31, 2018, 00:20:21 Vormittag »
Ich würde Windfisch bei den zahlreichen angesprochenen Sachen zustimmen.

Ich habe das Seepferdchen im Kindergarten und den Bronzepass in der dritten Klasse gemacht. Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, ob das überall so üblich ist. In den Kindergarten gehen halt auch nicht alle Kinder.
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Windfisch

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Re: Abnehmende Schwimmkompetenz und was dagegen getan werden muss
« Antwort #3 am: Juli 31, 2018, 09:56:44 Vormittag »
Ich habe im Kindergartenalter schwimmen gelernt, im Urlaub in Berkenbrück bei Fürstenwalde 1988. Das war das mit der Stinke-Kloake von Spree, von der ich oben erzählte. In der dritten Klasse sollten wir auch Bronze machen, aber wir hatten in der Wendezeit noch DDR-Bronze, wo ein Kopfsprung gefordert wurde - kein Bauchklatscher - und sogar Rückenschwimmen. Das bekam ich damals absolut nicht hin und so blieb ich eben unausgezeichnet. Auch wenn heute die Anforderungen niedriger sind, kann ich mir vorstellen, dass es einige unsportliche Kinder gibt, die man ruhigen Gewissens ins tiefe lassen kann, weil sie sich und ihren Körper kennen, aber am psychologischen Druck des Zeitlimits bei Bronze scheitern.

Die Schwimmshow, die Bahnschalker vorschlägt, wäre auch eine tolle Idee, aber vielleicht nicht nur auf das Sportschwimmen getrimmt. Man sollte analog zum TV Total Turmspringen damals vielleicht auch Arschbombencontests und Rutschwettbewerbe im TV übertragen - ja sogar nachdenken, ob man das nicht olympisch macht.

Rutscherlebnis-Community.de

Re: Abnehmende Schwimmkompetenz und was dagegen getan werden muss
« Antwort #3 am: Juli 31, 2018, 09:56:44 Vormittag »

Offline Otto

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Re: Abnehmende Schwimmkompetenz und was dagegen getan werden muss
« Antwort #4 am: Juli 31, 2018, 10:09:17 Vormittag »
Kopfsprung und Rückenschwimmen sind meines Wissens immer noch Pflicht. Allerdings habe auch ich das damals irgendwie hingekriegt, obwohl ich mich beim Kopfsprung eigentlich immer etwas doof anstelle. Wahrscheinlich war man da nicht ganz so streng.

Allerdings muss ich trotzdem zustimmen, dass die Anforderungen nicht besonders hoch sind. Ich bin nicht gerade eine Sportskanone und war trotzdem locker im Zeitlimit. Das mit dem psychologischen Druck kann ich nicht beurteilen. Bei uns haben es alle geschafft.

Mittlerweile kann man in der dritten Klasse oft auch den Silberpass machen. Bei mir wurde das noch nicht angeboten, vielleicht hätte ich den sogar auch geschafft.
« Letzte Änderung: Juli 31, 2018, 10:23:11 Vormittag von Otto »
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